Dä alde Stock

Eine Geschichte aus dem Buch „Türelüre Pitterke“ von Hans Seyppel

Einer der bedeutenden Widersacher von Bürgermeister Bender war der Bauunternehmer Heinrich Stock. Er konnte sich das aber leisten.

Schließlich hatte er zwei Feldbahnlokomotiven. Und er hat beispielsweise auch den Damm bei Hamm gebaut.

Seinen Streit mit dem Bürgermeisler Bender hat er angelangen, weil es ihm nicht paßte, daß der Bürgermeister vor allem die lndustriellen von Gerresheim in seinem Stadtrat haben wollte. Da saßen der Kommerzienrat Heye, der Direktor Iken und der Direktor Wehrmann als Stadtverordnete im Rat.

Heinrich Stock protestierte gegen das Mandat von Kommerzienrat Heye. Sein Argument war: Kommerzienrat Heye wohnt in Haus Elbruch, und das ist Benrather Gebiet. Ein Benrather darf aber nicht Stadtverordneter von Gerresheim sein.

Bürgermeister Bender wollte jedoch aus kommunalpolitischen Gründen den Kommerzienrat unbedingt in seinem Rat behalten und weigerte sich, die Begründung von Heinrich Stock anzuerkennen. Die Sache ging dann schließlich vor Gericht!

Kurze Zeit nach Einreichung der Klage hatte Bürgermeister Bender Dienstjubiläum, und die Gerresheimer Bürgerschaft brachte ihm, seiner Verdienste wegen, einen Fackelzug. Paul Hülsers Mutter sah sich den Fackelzug an und – sah den Heinrich Stock im Zug, seine Fackel tragend. Frau Hülser lachte den alten Stock aus: ,,Heinerich, Heinerich. Erst auf es Jericht, un dann im Fackelzug? – Wie jeht dat denn?“

Ganz unglücklich stöhnte da der alde Stock: ,,Da kanns De nix mache, Marie!“

Dieser Ausspruch ist lange in Gerresheim geflügeltes Wort gewesen.

Heinrich Stock ließ aber nicht locker.

lm alten ,,Rosenbäumchen“ am Kölner Tor traf sich die Gesellschaft von Gerresheim zum Dämmerschoppen. Bürgermeister Bender und Kommerzienrat Heye saßen im Honoratiorenstübchen in abendlichem Gespräch zusammen, als der alte Stock von seiner Arbeitsstelle ins ,,Rosenbäumchen“ kam. Stock baute damals gerade den Hammer Damm. Kaum hatte der Alde sein Glas Bier vor sich stehen, da legte er los: ,,En Schweinerei, dat der Heye Stadtverordneter von Jerresheim is. Dä jehöört nach Benrath!“ – So und ähnlich hechelte dä Stock das Gerresheimer Stadtparlament durch. Endlich wurde das dem Jersch, dem Wirt vom ,,Rosenbäumchen“, zuviel. Er stieß den Stock an und knurrte: ,,Mensch Stock, dadrinne sitzen die Herren! – Halt Deine Mund un sei endlich en bißchen still. – Die hören Dich ja!“

,,Wat? – Die sitze da im Stüüvke? – Maak de Döör op, dat se orntlich mithöre könne. Se solle dat ja höre!“

Was aus der Sache vor Gericht geworden ist? – Nun, darüber braucht sich kaum jemand Gedanken zu machen. Der Kommerzienrat blieb. Er hatte ja seinen Betrieb in Gerresheim. Und wenn es dem alde Stock auch nicht paßte. Der Kommerzienrat blieb und hatte das Recht auf seiner Seite – zum besten von Gerresheim.


In einem Punkt irrte Hans Seyppel: Bereits 1903 – also noch zu Amtszeiten von Bender – wurde wirklich darüber diskutiert, ob der Besitzer der Glashütte Hermann Heye Mitglied der Stadtverordnetenversammlung sein dürfe, obwohl er seinen Wohnsitz nicht mehr am Ort hatte. Aufgrund mehrerer, diesbezüglicher Eingaben wurde Heye tatsächlich im Dezember 1903 von der Wahlliste gestrichen. Im März 1904 folgte ihm der Mediziner Carl Strunk, der zugleich Vertragsarzt der Glashütte war.

Im Herbst 1909 – nach der Eingemeindung Gerresheims zu Düsseldorf und fünf Jahre nach Benders Tod – hat Heye wieder für die Gemeindevertretung Gerresheims kandidiert. Auch hier gab es Einsprüche, da er aufgrund seines Wohnortes nicht die Interessen des Stadtteils vertreten könne. Diesem Einspruch wurde allerdings nicht stattgegeben, da Gerresheim inzwischen Teil Düsseldorfs war. So konnte Heye kandidieren und wurde auch gewählt.


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